Capriccio, eine Sendung des Bayerischen Fernsehens, ging am 04.10.2012 um 22.30 Uhr der Frage nach, was denn mit uns sein wird, verändern wir uns, da wir doch immer weniger mit der Hand schreiben.

Mensch-Sein ohne Handschrift hat eine sehr lange Vergangenheit, es begann wohl mit Wandmalereien und in Stein geschlagenen Zeichen. Schrift in unserem Sinne, nämlich Konsens über Form und Bedeutung, kennen wir erst seit einigen tausend Jahren, schreiben jedoch konnten lange Zeit nur Wenige. Für die Einen war Schreiben etwas, das sie nicht brauchten, da sie herrschten. Für die Anderen war Schreiben etwas unerreichbar Fernes, da sie zu den Beherrschten zählten. Es ergab sich der Beruf des Schreibers, ein Dienst zunächst für Privilegierte. Schreiber kamen in unserem europäischen Kulturkreis primär aus dem klerikalen Bereich, das englische clerk kommt daher. Schreibenkönnen verbreitete sich erst und nur allmählich mit der Entstehung des Stände- und Universitätswesens vor etwa eintausend Jahren.

Schrift ist Kulturgut und Schreiben eine Fähigkeit, die uns von allen Lebensformen dieser Erde als einzigartig unterscheidet. Als Kulturgut hat das Schreibenkönnen zwingend eine politische Bedeutung, es hatte und hat denn auch mit Macht, Demokratie, Freiheit und Status zu tun. Mehr denn je gilt, wer nicht Lesen und Schreiben kann, der hat es nicht leicht, einen Platz zu finden, der wird sich vieles nicht aneignen, vieles nicht verstehen können.

Hinter der Entwicklung und Anwendung von Schrift steht auch der Drang, sich mit Abwesenden verständigen zu wollen. Der Begriff des Abwesenden aber hat nicht nur eine räumliche und technische, er hat zudem eine zeitliche Dimension. Geschriebenes überdauert, ist somit auch für die Zukunft.

Schreiben ist zunächst ein intellektueller Vorgang. Das Gehirn greift auf Erlerntes und steuert die Muskulatur, damit Schrift entsteht. Gefühle, Unbewußtes, Erinnerungen, Stimmungen, Wünsche, Vorstellungen oder Sehnsüchte wirken jedoch ebenso mit. Schreiben ist somit ein kognitiver Prozess mit ausgesprochen breiter und hoher Komplexität, ist ein kreativer und subtil gelenkter Prozess des Gestaltens, Schrift ist daher Ausdruck von mehr als nur der Wiedergabe von Zeichen, über deren Bedeutung Konsens besteht.

Der Schreibvorgang mit dem Computer verläuft anders, völlig anders. Das Denken hat sich an eine Tastatur zu gewöhnen, an das Drücken von Tasten – das ist wesentlich einfacher als mit der Hand zu schreiben, damit die gewünschten Wörter, die gewünschten Sätze entstehen. Das technische Medium steuert Wahrnehmung und Motorik in Bezug auf den rein physischen Schreibvorgang, daneben gilt als Hauptregel die Einhaltung der grammatikalischen Regeln. Menschliches kann sich nur noch im Text niederschlagen.

Das Schreiben einer E-Mail steht dem nahe, mit dem kleinen bis großen Unterschied, dass es eher um kurze Mitteilungen als umfangreiche und korrekte Briefe oder gar Texte geht. Bei einer sms schließlich kommt es auf Konventionen und Grammatik nicht mehr an. Syntax, Orthographie, Interpunktion, Semantik, Deklinationen und Konjugationen, Wortbildung überhaupt und der Umfang des zum Einsatz kommenden Wortschatzes, all das verliert an Bedeutung.

Je mehr sich die Sprache einer sms oder einer email in unser Denken einpflanzt, umso mehr erhöht sich die Bedeutung dieser neuen Sprachmuster. Ein nachhaltiges Weniger an Schreiben mit der Hand verändert unseren Wortschatz, unsere Kommunikation und unser Umgangsverhalten.

Weniger Schreiben bedeutet auch ein Verlust an Fähigkeiten. Untersuchungen (zB in: Psychological Sciences, 2013) belegen, dass Schreiben das Denkvermögen und die Intelligenz fördert. Schreiben ist eben Kulturgut.

Capriccio – Zukunft ohne Handschrift

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